„Ich bin mutig!“ verkündete das Krümelmonster stolz, als sie nach Hause kam. „Ganz hoch klettert, ganz dolle gesprungen!“. Sie ist unverkennbar stolz auf sich und das darf sie auch sein. Mittlerweile erklimmt sie die höchsten Klettergerüste ohne Angst, rutscht die steilsten Rutschen hinab und balanciert über hohe Seile. Ich stehe die meiste Zeit neben dem Klettergerüst und versuche nicht einzugreifen, es sei denn sie ruft expliziert nach mir. Es ist nicht leicht, aber genau dass, was sie braucht: Sie sieht dass ich ihr und ihren Fähigkeiten vertraue, dass ich an sie glaube und dennoch sofort da bin, wenn sie mich braucht.

Sie ist mir sehr ähnlich. Als ich klein war, konnten die Bäume und Klettergerüste gar nicht hoch genug sein, kein Sprung war zu gefährlich und keine Rutsche lang genug. Ich war wild und mutig und wollte alles erkunden. Ich liebte das Abenteuer, ging lieber einen Schritt zu weit und hatte eigentlich vor gar nichts Angst. Bis ich vom Klettergerüst fiel. Danach hatte ich fast 20 Jahre lang Höhenangst, die ich nur besiegen konnte indem ich mich meiner Angst stellte. Doch das ist eine andere Geschichte.

Währen die Kleene auf dem Klettergerüst tobt und sich gegen die großen Kinder behauptet, stehe ich am Rand, unterhalte mich mit meinen Freundinnen versuche entspannt zu bleiben. ich sehe sie nicht immer, dann gehe ich einen Schritt zur Seite und suche ihre Beine, ihren blonden Schopf, ihre fuchtelnden Arme. Sobald ich sie wieder im Blick habe, versuche ich mich innerlich wieder runterzufahren. So geht es eine ganze Weile, bis meine Freundinnen einen Blick wechseln. Irgendwann, nach über einer Stunde, sagen sie dann endlich was. „Also so ruhig wie du da stehen und sie alleine auf dem Klettergerüst toben lassen könnte ich nicht.“ ja, das höre ich oft. Ich bin aber nicht ruhig, innerlich tobe ich. Am liebsten würde ich mit aufs Klettergerüst steigen und ihr die ganze Zeit die Hand halten. Aber ich tue es nicht. Ich will ihren Entdeckungsdrang nicht bremsen. Ich will sie ermutigen selbst Dinge auszuprobieren, zu entdecken, zu wachsen an Hindernissen die sie alleine bewältigt. Deshalb stehe ich etwas Abseits und lasse sie machen und es tut ihr gut.

Ähnlich verhält es sich auch mit allen anderen Sachen. Zur Zeit steht sie jeden Tag mit am Herd und kocht mit mir zusammen. Ich schäle die Kartoffeln, sie schneidet sie. Oder Zwiebeln, oder anderes Gemüse. Sie sitzt auf der Arbeitsfläche neben dem Herd und rührt die Soße um, dreht das Fleisch um, nimmt den Deckel vom Topf. Mir brennt ab und an das Essen an, die Soße gelingt nicht und es geht einfach des öfteren etwas schief, aber das ist nicht so schlimm. Jeden Tag lernt sie etwas mehr und ist stolz auf sich selbst. Letzte Woche buken wir Kekse, die wurden krumm und schief und den meisten Hasen fehlten Körperteile, aber sie stach fast alle alleine aus und daher schmeckten die Kekse am Ende noch besser. Am Anfang gab ich ihr ihre normalen Messer mit denen sie auch ihr Essen schneidet, doch zum „arbeiten“ war das einfach nichts. Irgendwann griff sie nach meinem Messerblock um das Gemüse zu schnibbeln und sie fand eine Technik wie sie ganz alleine und ohne großen Mühen schafft alles klein zuschneiden. Am liebsten würde ich ihr das Messer aus der Hand nehmen aus Angst sie könnte sich verletzten. Doch das ist er einmal passiert. Danach wurde sie noch etwas vorsichtiger.

Ich möchte ihr nicht alles abnehmen, ich möchte sie nicht ausbremsen, sie zurückhalten etwas zu tun was sie ausprobieren möchte. Ich möchte sie bekräftigen, ich möchte sie unterstützen sich selbst zu entfallen, die Welt zu entdecken, Erfahrungen zu machen und manchmal dabei hinzufallen. Ich will nur das sie weiß,dassich immer da bin wenn sie mich braucht, ich ihr eine Pflaster auf die Wunde klebe, ihr wieder aufhelfe, sie auffange und festhalte, wenn sie es braucht und will. Sie soll stark werden, Dinge alleine bewältigen können ohne immer nach Mama schreien zu müssen. Sie soll selbstständig werden und die Welt mit ihren Augen entdecken. Also bleibe ich weiter neben ihr stehen, habe ein Auge auf sie und horche ob ich ihre Stimme höre. Und wenn sie ertönt und nach mir ruft, bin ich sofort zur Stelle.

Eure Gunzlinger Mum

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Ein Gedanke zu “„Mama, ich kann das schon alleine!“

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