Das geht doch niemals gut, haben sie gesagt. Wäre eine Senioreneinrichtung nicht besser für sie, haben sie gefragt. An manchen Tagen überlege ich mir das tatsächlich auch. Manchmal ist mir das ganze Ding mit drei Generationen unter einem Dach auch zu viel, da bin ich dann nur noch erschöpft und müde, wir streiten und ich wäre am liebsten alleine mit meinem Monster. Und dann gibt es so Tage wie heute an denen ich heilfroh bin dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Als ich heute morgen erwachte, war es schon kurz nach 9 Uhr. Normalerweise weckt mich das Krümelmonster viel früher, doch manchmal geht es meiner Mutter so gut, dass sie sich um die Kleene kümmert damit ich etwas länger schlafen kann. So machte ich mir auch keine Gedanken als ich beim aufstehen auf die Uhr sah. Aber es war so stillt, so ungewöhnlich still. Ich ging ins Bad und entdeckte mein Kind in der Badewanne, wie es sich gerade Wasser einließ. Ich richtete ihr alles weitere her, machte mich frisch und ging ins Zimmer meiner Mutter. Sie schlief allerdings noch und ich wollte sie auch nicht wecken. Ich ließ ihr Rollo herunter, deckte sie zu und ging wieder hinaus.

Nach einer Stunde in denen ich die Kleene badete, anzog und wir frühstückten, beschloss ich noch einmal nach meiner Mutter zu sehen um sicher zu gehen, dass sie ihre Medikamente auch einnimmt. Sie lag noch genau so da wie ich sie hatte liegen lassen, nur unsere Katze saß neben ihr und leckte ihr wie wild das Gesicht ab, aber sie reagierte nicht. Ich setzte mich zu ihr und sprach sie an doch es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis sie endlich die Augen aufschlug. Ihr Blick war ganz glasig und ihr Gesicht sah merkwürdig angespannt aus. Sie hob den Kopf nicht, sie öffnete nur den Mund und versuchte etwas zu sagen, bekam aber nur unverständliche Laute heraus. Meine Alarmglocken schrillten hell auf. Ich bat sie zu lächeln doch sie sah mich nur verwirrt an. Auch die Arme bekam sie nur mit sehr viel Mühe hochgehoben. Meine Mutter hatte schon mehrere kleine Schlaganfälle und ich bekam es wirklich mit der Angst zu tun, also wählte ich die 112 und erklärte was passiert bzw eben nicht passiert war.

Ich suchte die Medikamentenliste meiner Mutter raus, legte ihre Krankenkassenkarte bereit und räumte den Flur kurz leer. Ich erklärte parallel dazu meiner Tochter, was gleich passieren würde. Dann ging ich zu Mama und warnte sie vor und sie sah mich traurig an und stöhnte. Dann klingelte es… Drei Herren kamen herein, grüßten nett und ließen sich noch mal genau erklären was passiert ist. Sie sahen sich die Liste an und traten dann zu meiner Mutter. Nach wenigen Minuten war klar: sie hatten den gleichen Verdacht wie ich. Sie mussten sie also definitiv mitnehmen. Ich versuchte mein verängstigtes Kind zu beruhigen und packte nebenbei die Tasche für meine Mama. Ich sprach noch mal mit ihr, wollte mich ihr erklären, klar machen dass ich mir wirklich Sorgen machte. Sie nickte nur und bat mich sie dort nicht alleine zu lassen, dann brachte man sie ins Krankenhaus.

Eine Viertelstunde, in der ich meine Geschwister anrief um sie über die momentane Situation aufzuklären, später verließ ich mit dem Krümelmonster das Haus. Wir liefen zum Busbahnhof und fuhren zum Krankenhaus. Mama wurde gerade untersucht doch der behandelnde Arzt konnte mir gleich meine größte Angst nehmen: Es war kein Schlaganfall. Mir fiel ein Stein vorm Herzen. Während der nächsten Untersuchungen spazierte ich mit meiner Kleenen durchs Haus, wir pausierten im Cafè und ich erklärte ihr immer und immer wieder, wieso wir dort waren. Gegen halb zwei Uhr verließen wir aufgrund eines Termins erstmal das Krankenhaus. Als wir wieder kamen lag Mama in einem anderen Zimmer, jedoch immer noch in der Notaufnahme. Mir konnte keiner sagen was denn nun Sache ist und meine Nervosität stieg an. Gleichzeitig versuchte ich mein müdes und verängstigtes Kind zu beruhigen und etwas runterzufahren. Gegen halb vier sprach ich noch einmal mit dem Pflegepersonal und man sagte mir dass meine Mutter definitiv über Nacht bleiben muss, man sich aber noch nicht sicher ist was ihr denn fehlt.

Wir holten uns auf dem Heimweg noch eine Portion Pommes und das Kind verkrümelte sich in Omas Bett, kuschelte sich in ihre Decke und schlief sofort ein. Sie ist traurig und vermisst ihre Oma und mir geht es ganz genau so. Früher, als sie noch alleine lebte, gab es manchmal solche Situationen in denen ich sie mehrere Tage nicht erreichte. Ich machte mir große Sorgen, versuchte ihre Nachbarn oder ihre Haushaltshilfe zu kontaktieren und hatte jedesmal große Angst dass sie gestürzt sei und sie vielleicht nicht mehr aufwacht. Und genau das war auch der Grund warum ich sie nach der Trennung zu mir holte. Selbst wenn das ganze keine große Sache ist und sie morgen schon Heim kommt, wäre sie noch in Roth gewesen, wäre sie wahrscheinlich wieder mehrere Tage nicht erreichbar gewesen und vielleicht wäre es diesmal nicht mehr so gekommen, dass sie sich von alleine erholt. jetzt weiß ich dass sie gut betreut wird und man sie gründlich durchcheckt. Und wenn wir Glück haben darf sie morgen schon wieder Heim und wir sind alle glücklich.

Ich bin froh diesen Schritt gegangen zu sein, auch wenn es manchmal wahnsinnig anstrengend ist, ich sie mir einfach weit wegwünsche weil sie einen schlechten Tag hat und nur schimpft oder sie ihre Art der Erziehung durchsetzen will. Am Ende des Tages genieße ich unser Zusammenleben und freue mich dass das Krümelmonster jeden Tag seine Oma um sich hat. Und: ich würde jederzeit wieder so entscheiden!

Eure Gunzlinger Mum

 

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2 Gedanken zu “Hol‘ deine Mama nicht zu dir, haben sie gesagt

  1. Oh man, gute Besserung an deine Mutter… Und euch beiden, dass ich euch erholt.. Mir ist beim Lesen ein schauer über den rücken gelaufen und ich hatte dann kurz innegehalten, weil ich fast nicht weiter lesen wollte..

    Lieben Gruß an euch drei 💜

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    1. Vielen Dank! Wir erholen uns sicher wieder, aber bei der Vorgeschichte meiner Mutter bin ich sehr vorsichtig. Der Notarzt hat mich übrigens bestätigt dass es absolut richtig war den Rettungsdienst zu kontaktieren.
      Liebe Grüße ❤

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